Basel verbindet: Im Gespräch mit Lukas Ott zur Stadtentwicklung

Basel verbindet Menschen, Räume und Perspektiven. Stadtentwicklung ist dabei weit mehr als Planung und Bau: Sie schafft die Grundlagen dafür, wie wir heute und morgen in Basel leben und arbeiten.

Im Gespräch mit Lukas Ott, Leiter Kantons- und Stadtentwicklung im Präsidialdepartement, sprechen Jan und Fabio über die langfristige Vision und die zentralen Herausforderungen der Basler Stadtentwicklung. Das Interview zeigt, wie sich Themen wie Wohnraum, Mobilität, Klimaziele und die Mitwirkung der Bevölkerung dabei miteinander verbinden.

Ein Gespräch über Verantwortung, Perspektiven – und darüber, wie Basel seine Zukunft heute gestaltet.

Interview:

Welche langfristige Vision verfolgt Basel in der Stadtentwicklung, und welche Leitlinien bestimmen die aktuelle Planung?

Unsere Vision leitet sich direkt aus den aktuellen Herausforderungen ab. Basel will eine kompakte, durchmischte und klimaverträgliche Stadt sein, die Wachstum über Qualität steuert. Es geht um lebenswerte Quartiere, bezahlbaren Wohnraum, eine leistungsfähige Infrastruktur und einen starken Wirtschaftsstandort – und das alles innerhalb klarer ökologischer Grenzen. Leitend sind Strategien wie die Klimaschutzstrategie «Netto-Null 2037», die Mobilitätsstrategie, verschiedene kantonale Grundlagen und Innovationsförderprogramme sowie die konsequente Weiterentwicklung grosser Areale. Wichtig ist uns: Wir planen nicht gegen die Stadt, sondern aus dem Bestand heraus – partnerschaftlich, schrittweise und mit messbaren Zielen.

Wie begegnet Basel dem steigenden Bedarf an Wohnraum, ohne dass soziale Durchmischung oder bezahlbarer Wohnraum verloren gehen?

Wir schaffen neuen Wohnraum dort, wo grosse Areale frei werden und neue Quartiere entstehen können – also mit Nutzungsmischung, Schulen, Grünräumen und guter Erschliessung. Beispiele sind das Dreispitzareal, klybeckplus, VoltaNord und das Hafenareal. Gleichzeitig sichern wir die soziale Durchmischung über Wohnschutzinstrumente wie Bewilligungspflichten oder Mietzinskontrollen in bestehenden Gebäuden und fördern den gemeinnützigen Wohnungsbau bei Neubauten. Dort gilt das Prinzip der Kostenmiete. Damit verbinden wir Wachstum mit Verlässlichkeit: Neubauten ermöglichen, Verdrängung begrenzen und preisgünstige Segmente immer mitplanen.

Welche Rolle spielt die städtebauliche Verdichtung, und wie stellen Sie sicher, dass Grünflächen und Lebensqualität bleiben?

Verdichtung ist kein Selbstzweck. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass wir auf der begrenzten Fläche Basels genügend Wohnraum und Arbeitsplätze schaffen können, ohne neue Landschaft zu verbrauchen. Entscheidend ist aber die Lebensqualität. Das heisst: mehr nutzbare Freiräume, Massnahmen gegen Hitze, sichere Wege, gute Erdgeschosszonen, Quartierinfrastrukturen und architektonische Qualität. Verdichtung funktioniert nur dort gut, wo sie mit neuen Parks, klaren Freiraumkonzepten und einer frühzeitigen Beteiligung der Quartierbevölkerung verbunden ist.

Wie sieht die zukünftige Mobilitätsstrategie aus – vor allem im Spannungsfeld zwischen motorisiertem Verkehr, ÖV, Veloinfrastruktur und Fussgängerzonen?

Unsere Mobilitätsstrategie setzt ganz klar auf klimafreundliche und flächeneffiziente Mobilität. Fuss- und Veloverkehr sowie der öffentliche Verkehr haben Priorität. Gleichzeitig bleibt die Erreichbarkeit gewährleistet. Das bedeutet: sichere und direkte Wege, verkehrsberuhigte Quartiere und punktuell mehr Aufenthaltsqualität im Strassenraum – bei gleichzeitiger Verbesserung des ÖV-Angebots. Der motorisierte Verkehr wird dort reduziert, wo er Quartiere und Zentren unnötig belastet, aber unverzichtbare Fahrten müssen natürlich weiterhin möglich bleiben. Aktuell testen wir mit den sogenannten „Superblocks“, wie Quartiere vom Durchgangsverkehr entlastet werden können.

Welche konkreten Massnahmen verfolgt Basel, um klimaneutral zu werden und klimaresilient aufgestellt zu sein?

Unser Ziel ist klar: Netto-Null im ganzen Kantonsgebiet bis 2037. Dazu gibt es einen Klima-Aktionsplan und ein öffentliches Klimaportal, auf dem alle den Fortschritt nachvollziehen können. Priorität haben Gebäude und Heizungssysteme, Energieeffizienz, erneuerbare Wärme, klimafreundliche Mobilität und klimaresiliente Stadträume – also Hitze- und Regenmanagement sowie Förderung der Biodiversität. Für die Verwaltung selbst gilt ein noch strengerer Pfad: Klimaneutralität bis 2030.

Wie nutzt die Stadt digitale Technologien und Daten, um Bauprozesse, Verkehrsfluss oder Quartierplanung effizienter zu machen?

Wir setzen Digitalisierung gezielt dort ein, wo sie Verfahren vereinfacht, Entscheidungen verbessert und Transparenz schafft. Dazu gehören Open-Government-Data, moderne Geodaten und Werkzeuge wie das 3D-Stadtmodell oder „twinbs“ – unsere Basis für digitale Zwillinge. Diese ermöglichen es, zukünftige Stadtentwicklungsszenarien zu visualisieren. Daran arbeiten übrigens auch Studierende der Fachhochschule Nordwestschweiz mit. Ein praktisches Beispiel ist das Online-Baubegehren, das sicher stellt, dass die Baubegehren vollständig eingereicht werden, was wiederum das ganze Verfahren beschleunigt. Wichtig bleiben dabei Datenqualität, Datenschutz und faire, nachvollziehbare Regeln – Digitalisierung ist bei uns ein Service public, kein Selbstzweck.

Wie werden die Einwohnerinnen und Einwohner in grosse Entwicklungsprojekte eingebunden, und wo sehen Sie noch Verbesserungspotenzial?

Grosse Projekte funktionieren nur, wenn die Menschen früh verstehen, worum es geht – und wenn ihre Mitwirkung tatsächlich Spuren hinterlässt. Basel arbeitet seit Jahren mit Mitwirkungsformaten, und 2023 haben wir das Gesetz über die Partizipation der Quartierbevölkerung verabschiedet. Verbesserungspotenzial sehe ich besonders in zwei Bereichen: Erstens wollen wir eine breitere, inklusivere Ansprache, damit auch schwer erreichbare Gruppen teilhaben können. Zweitens brauchen wir ein konsequentes Feedback-System: Wir müssen offenlegen, was aus der Mitwirkung übernommen wurde – und was nicht, samt Begründung.

Wie gelingt die Balance zwischen wirtschaftlicher Dynamik – etwa im Life-Science-Sektor – und den städtebaulichen Bedürfnissen der Bevölkerung?

Die wirtschaftliche Stärke, vor allem der Life-Science-Sektor, ist ein grosser Vorteil für Basel. Aber sie braucht gute Rahmenbedingungen: genügend Flächen, gute Erreichbarkeit, attraktive Stadträume und bezahlbaren Wohnraum. Wir sehen das nicht als Widerspruch, sondern als Aufgabe, diese Interessen zu verbinden. Auf den Transformationsarealen entstehen neue Möglichkeiten für Arbeiten und Wohnen – ergänzt durch Infrastruktur und Freiräume. Wirtschaftliche Attraktivität bedeutet für uns also nicht nur Wachstum, sondern auch Stabilität, Verlässlichkeit und Lebensqualität. Dazu pflegen wir übrigens auch den Austausch mit Partnerstädten wie Freiburg im Breisgau, Seoul oder Shanghai, um voneinander zu lernen.

Wo sehen Sie aktuell die grössten Zielkonflikte in der Basler Stadtentwicklung, und wie gehen Sie damit um?

Die grössten Spannungsfelder liegen zwischen Wohnraum und Arbeitsflächen, Verdichtung und Freiraum, Klimazielen und Investitionskosten – aber auch zwischen schneller Umsetzung und breiter Beteiligung. Wir begegnen diesen Konflikten mit klar definierten Zielsystemen für Klima, Wohnschutz und Mobilität, mit Datenauswertungen und Variantenvergleichen. Wichtig ist uns, Konflikte früh sichtbar zu machen, anstatt sie aufzuschieben. Transparenz ist dabei der Schlüssel – wir legen Kriterien offen und sichern politische Prioritäten ab.

Welche Projekte oder Quartiere werden Basel in den nächsten 10 bis 20 Jahren am stärksten prägen, und was dürfen die Menschen erwarten?

In den kommenden Jahren wird vor allem die Transformation grosser Areale das Stadtbild prägen – etwa klybeckplus, Klybeckquai/Westquai, Dreispitz Nord, Rosental Mitte, VoltaNord, Walkeweg und Wolf. Diese Entwicklungen stehen für einen Umbau im Bestand: neue Wohnungen, neue Arbeitsplätze, neue Schulen und Parks, alles etappenweise und mit hohen Nachhaltigkeitsstandards. Gerade am Beispiel klybeckplus sieht man die Dimension: ein neues Quartier mit Wohnraum für Tausende, mit Arbeitsplätzen und grosszügigen Parkanlagen.

Die Initiative «GO Basel, GO» sorgt für Diskussionen. Was halten Sie davon und wie sehen Sie ihre Erfolgschancen?

Zu hängigen Initiativen nehmen wir nie Stellung. Wenn die Initiative zu Stande kommt, wird sich der Regierungsrat zu gegebener Zeit dazu äussern. Aktuell treiben wir seitens Kanton das Tramnetz 2030 voran, das ebenfalls dazu beitragen wird, die Innenstadt vom Tramverkehr zu entlasten.